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Freitag, 30.07.2010
Das Ende der Unschuld
Gentherapeuten im Kreuzfeuer der Kritik

Doch es kam noch schlimmer: Durch den Tod von Jesse Gelsinger aufgerüttelt, begannen die amerikanischen Gesundheitsbehörden FDA und NIH, auch andere laufende Gentherapiestudien genauer zu durchleuchten.

Blinder Hippokrates? 
Blinder Hippokrates?
© NIH/S.Golembski
Die Ergebnisse waren erschreckend: Offenbar ignorierte die Mehrzahl der Genforscher nicht nur die vorgeschriebene Meldepflicht für negative Vorkommnisse, sondern bemühte sich sogar aktiv darum, diese zu vertuschen. Im Nachhinein deckten die behördlichen Kontrolleure mehr als 900 schwere Zwischenfälle in laufenden Gentherapiestudien auf. Offiziell gemeldet waren von diesen ganze 37 - weniger als fünf Prozent.

Und auch Gelsingers Tod entpuppte sich keineswegs als tragischer Einzelfall, wie bislang angenommen. Nachforschungen enthüllten mindestens sechs weitere Todesfälle im Rahmen verschiedener Gentherapiestudien. Darunter eine 74-jährige Darmkrebspatientin, die nach der Infusion von gentechnisch veränderten Zellen an schweren inneren Blutungen starb, eine 46-jährige Frau mit Brustkrebs im Endstadium, die ihre von Komplikationen begleitete Gentherapie nur um einen Monat überlebte und ein weiterer Darmkrebspatient, bei dem als Folge einer Gentherapie mit Adenoviren hohes Fieber und tödliche Herzfunktionsstörungen auftraten. Zwar waren alle diese Todesfälle weniger eindeutig auf die Therapie zurückzuführen als Gelsinger, hätten aber nichtsdestotrotz als mögliche "Zwischenfälle" gemeldet und damit auch anderen Forschern zugänglich gemacht werden müssen.

Die Enthüllungen im Fall Gelsinger trafen die weltweite Gemeinschaft der Genmediziner bis ins Mark. Nicht nur, dass klinische Tests von Behördenseite gestoppt, neue nur unter erheblichen Auflagen erlaubt wurden und die einst so eifrigen Sponsoren reihenweise absprangen, auch die Stimmung unter den Forschern kippte: Hatte nach den ersten erfolgreichen Tests 1990 noch Euphorie geherrscht, mussten sich die Wissenschaftler nun fragen und fragen lassen, ob nicht der Schritt vom Labor ins Testbett zu schnell erfolgt war. War hier nicht fahrlässig eine Technologie an Patienten erprobt worden, die bei weitem noch nicht ausgereift war?

"Es gab anfangs einen großen Schub des Enthusiasmus, der drei bis vier Jahre anhielt. Ein paar hundert klinische Versuche starteten in dieser Zeit weltweit", beschreibt French Anderson, einer der "Väter" der Gentherapie, die Situation Anfang des Jahres 2000. "Doch dann realisierten wir, dass auf der klinischen Ebene eigentlich nichts so richtig funktionierte." Unter anderem auch im Lichte der neuen, verschärften Kontrollmechanismen, die nach dem Fall Gelsinger national und international eingeführt worden waren, stellten sich die meisten neuen Verfahren spätestens bei den klinischen Tests als im besten Falle wenig effektiv, im schlimmsten Falle als nicht sicher heraus.

Angesichts der noch immer zahlreichen nicht geklärten Risiken rieten auch viele deutsche Krebsforscher eher zu einer vorsichtig-abwartenden Haltung gegenüber der Gentherapie: "Trotz des großen Hoffnungspotenzials sind die bisher in klinischen Studien erzielten Erfolge relativ bescheiden", so das Fazit anlässlich des Deutschen Krebskongresses im Jahr 2000. Angesichts der Tatsache, dass immerhin rund 63 Prozent aller weltweiten Gentherapiestudien im Rahmen der Krebsforschung stattfinden, keine sehr positive Bilanz...

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