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Freitag, 30.07.2010
"...ein realistisches Bild der Skythen rekonstruieren"
Der Archäologe Professor Hermann Parzinger im Interview

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger ist der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. Vor rund 1,5 Jahren hat er zusammen mit einigen Kollegen in der Mongolei die sterblichen Überreste eines Skythenkriegers entdeckt. Im Interview mit scinexx.de berichtet er über den Sensationsfund und den folgenden „Medienrummel“.

 Professor Hermann Parzinger
Professor Hermann Parzinger
© J. Börner
scinexx: Herr Parzinger, Ende Juli 2006 haben sie im Altaigebirge eine 2.500 Jahre alte Skythenmumie ausgegraben. Was unterscheidet den blonden Krieger von anderen Skythenfunden? Was macht ihn so wertvoll?

Hermann Parzinger: Unser Fund war die erste Entdeckung dieser Art auf der mongolischen Seite des Altaj-Gebirges, in der russischen Altaj-Region gab es bereits vergleichbare Komplexe. Wir wissen dadurch, dass sich die Kultur der skythenzeitlichen Reiternomaden im Altaj, die als Pazyryk-Kultur bezeichnet wird, erheblich weiter nach Süden erstreckt hat als bislang angenommen.

Die Bedeutung derartiger Mumienfunde im Eis des Permafrosts liegt darin, dass der Verstorbene mit seiner gesamten Bekleidung und sämtlichen organischen Beigaben, die sonst nie erhalten bleiben, uns gleichsam lebensecht vor Augen tritt. Dies lässt ein realistisches Bild der Skythen rekonstruieren und ermöglicht zudem eine Vielzahl naturwissenschaftlicher Begleituntersuchungen, die bei anderen Erhaltungsbedingungen nicht durchzuführen sind.

scinexx: Wussten Sie sofort, als Sie das Grabmal öffneten, welche bedeutende Entdeckung Sie da gemacht hatten?

Parzinger: Als wir die Aufschüttung des Kurgans (Grabhügel) entfernten, sahen wir die unberührte Verfüllung des zum Grab führenden Schachtes; damit war klar, dass wir ein intaktes, unberaubtes Grab vorfinden würden, was selten genug ist. Die bange Frage aber war: Hat sich Eis in der Grabkammer erhalten oder nicht? Das Entfernen der Grababdeckung aus dicken Lärchenstämmen gab dann aber sogleich die Eislinse im Grab und den teilmumifizierten Verstorbenen mit seiner kompletten Bekleidung zu erkennen.

scinexx: Nach dem Bekanntwerden des Fundes gab es ein enormes Medienecho. Sind Sie vor lauter Terminen überhaupt noch zum Arbeiten gekommen?

Parzinger: Das öffentliche Interesse an einer solchen Entdeckung war – wie zu erwarten – sehr groß. Wir haben dabei sehr gut mit der Presse zusammengearbeitet. Ich empfand das nicht als lästige Pflichtübung, sondern habe das gerne getan. Jede Wissenschaft ist um öffentliche Aufmerksamkeit bemüht, nicht nur die Archäologie. Und besonders wichtig dabei ist, nicht nur von Sensationen zu berichten, sondern den interessierten Menschen auch zu erläutern, warum dieser Fund so bedeutsam ist und was er uns sagen kann, wie er unser Geschichtsbild vervollständigen und vielleicht sogar verändern kann.

scinexx: Im Dezember 2006 ist der Skythenkrieger nach Deutschland gebracht worden, um im Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen untersucht zu werden. Welche neuen Erkenntnisse hat es dabei gegeben?

Parzinger: Die Untersuchungen sind noch längst nicht abgeschlossen, sondern in vollem Gange, weshalb es für konkrete Ergebnisse noch verfrüht ist. Die Kollegen in Göttingen werden jedoch wichtige Einblicke in die Lebensumstände der skythenzeitlichen Reiternomaden im Altaj-Hochgebirge erhalten, sie werden neue Daten zur Ernährung und zu den Krankheiten liefern. Auch genetische Analysen an alter DNA sind geplant. Wir werden alle derzeit möglichen Methoden und Verfahren einsetzen, um unseren ‚Krieger aus dem Eis’ zum Sprechen zu bringen.

scinexx: Was kommt nach dem Skythenkrieger? Welche neuen Projekte stehen bei Ihnen an?

Parzinger: Durch meine Wahl zum Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz werden ab 1. März 2008 Fragen der Kultur- und Wissenschaftspolitik und –organisation stärker in den Vordergrund rücken, worauf ich mich aber sehr freue. Doch wir wollen aber auch noch mehr über die so bemerkenswerte Kultur der skythenzeitlichen Reiternomaden wissen, weshalb weitere Projekte folgen werden, die aber noch konkret zu definieren sind.

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