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Wer aus dem Rio Negro trinken will, kann dies - zumindest oberhalb der großen Städte, die der Fluss durchquert - bedenkenlos tun. Er ist klar wie destilliertes Wasser. Selbst der Nährstoffgehalt des Regens, bevor er auf den Wald trifft, ist größer als der des Flusswassers.
 | | Rio Mamore © Avis Multimedia Entertainment Inc. | In Wäldern der gemäßigten Zone schwemmt der Regen massenweise Nährstoffe aus dem Waldboden in die Flüsse. Was also ist hier geschehen? Das Regenwasser, das auf das Blätterdach des tropischen Waldes prasselt, wird auf seinem Weg durch die Stockwerke des Waldes mit mineralischen und organischen Bestandteilen angereichert, bevor es den Boden erreicht. Dort aber werden ihm sämtliche Nährstoffe wieder entzogen - von dem dichten Wurzelsystem des Waldes.
In den Hungerfluss Rio Negro sickert dann nahezu nährstofffreies Wasser. Nur winzige Mengen an Humus, die dem Fluss seine dunkle Farbe geben, gelangen in das Wasser. Nicht einmal ein eigener Nährstoffkreislauf kann sich entwickeln: Einfallendes Sonnenlicht wird von den Humusteilchen absorbiert, so dass Algen keine Chance haben, genügend Licht für die Photosynthese zu ergattern.
Aber selbst wenn die Nährstoffe des Regenwassers von den Wurzeln der Bäume wieder hinausgefiltert werden. Müssten nicht trotzdem organische Substanzen aus dem Boden ausgewaschen werden? Auf einem Hektar Regenwald wachsen bis zu 800 Tonnen pflanzlicher Biomasse. Eine solche Menge an Pflanzen müsste doch eine meterdicke Schicht Humus erzeugen, die vor Nährstoffen nur so strotzt.
Tatsächlich aber ist die Humusschicht des Regenwaldes nur wenige Zentimeter dick. Darunter befindet sich nährstoffarmer Wüstensand. Mehr als 90% der Biomasse befinden sich im lebenden System. Ein Vergleich: In Wäldern unserer Region lagert die Hälfte des organischen Kohlenstoffs im abfallenden Laub und im Boden. Im tropischen Regenwald dagegen befinden sich mehr als drei Viertel in der Vegetation. 58% des Gesamtstickstoffs sind hier in der lebenden Biomasse gebunden, in nördlichen Wäldern dagegen gerade mal 6%.
Man sagt daher, dass der tropische Regenwald nicht im Boden lebt, sondern auf dem Boden. Der Boden dient eher der mechanischen Befestigung als der Ernährung. Das erklärt auch, warum der größte Teil der Wurzeln sich innerhalb der oberen 30 Zentimeter des Bodens oder gar oberirdisch befinden. Weiter unten sind sowieso keine Nährstoffe zu holen.
Dennoch ist die Biomasseproduktion in den Tropen größer als in allen anderen Wäldern der Erde. 32,5 Tonnen pro Hektar beträgt hier die jährliche Bruttoproduktion. Im subtropischen Feuchtwald werden immerhin noch 24,5 Tonnen gebildet, im mitteleuropäischen Laubwald dagegen nur 13 Tonnen und im borealen Nadelwald lediglich 7 Tonnen.
Wie werden diese hohen Produktionsraten auf so kargem Boden erreicht?
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