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Freitag, 03.09.2010
Tauben als Kunstkritiker
Vögel benutzen Farben und Muster, um die Schönheit von Bildern zu beurteilen
Tauben können so trainiert werden, dass sie wie Menschen den Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Bildern erkennen. Dies zeigt eine neue Studie japanischer Wissenschaftler in der Online-Ausgabe der Springer-Fachzeitschrift „Animal Cognition“. Danach verwenden die Vögel Farben und Muster, um die Schönheit von Bildern - wie sie vom Menschen definiert wird - sowie deren Textur zu beurteilen.

Taube
Taube
© Lee Karney / U.S. Fish and Wildlife Service
Die Vorstellung von Schönheit basiert auf zwei Eigenschaften. Zum Einen empfinden Menschen Freude, wenn sie ästhetisch ansprechende Kunstwerke betrachten. Andererseits weckt Kunst, die ihrem ästhetischen Empfinden zuwiderläuft, negative Gefühle. Zweitens beruht unsere Vorstellung von Ästhetik auf unserer Fähigkeit, gute bzw. „schöne“ Bilder von schlechten oder „hässlichen“ zu unterscheiden.

Von Tauben und Menschen
Die Forscher um Professor Shigeru Watanabe von der Keio University in Japan haben sich nun mit der Fähigkeit von Tauben beschäftigt, Bilder nach ihrer Schönheit zu unterscheiden. Mit anderen Worten: Haben Tauben eine dem Menschen vergleichbare Vorstellung von Schönheit? Wenn dies der Fall ist, stellt sich die Frage, worauf diese Vorstellung beruht.

Die mit Wasserfarben und Pastellfarben von Kindern einer Schule in Tokio gemalten Bilder wurden vom Kunstlehrer der Schule sowie von zehn weiteren Erwachsenen zunächst als gut oder schlecht eingestuft. Die Bilder erhielten eine positive Bewertung, wenn die Motive klar und deutlich waren und die Betrachter die spezifischen Eigenschaften der Themen auf den Bildern erkennen konnten.

Vögel am Computer
Die Tauben der Japanese Society for Racing Pigeons befanden sich während des Experiments in einem Raum, in dem sie die Kunstwerke der Kinder auf einem Computerbildschirm sehen konnten. In einer ersten Reihe von Versuchen wurden vier Tauben im Erkennen von guten Bildern geschult, indem sie mit Futter belohnt wurden, wenn sie diese anpickten. Das Anpicken von schlechten Bildern wurde hingegen nicht belohnt.

Dann legten die Wissenschaftler ihnen eine Mischung aus neuen und alten guten und schlechten Bildern vor. Die Forscher zeichneten auf, welche Bilder die Tauben mit dem Schnabel attackierten. Ergebnis: Die Tauben pickten durchweg häufiger die guten Bilder an als die schlechten.

Farbe als Unterscheidungskriterium
Auch nachdem die Motive verkleinert worden waren, konnten die Vögel die zwei Arten von Bildern noch genauso gut unterscheiden. Erst als sie mit Bildern in verschiedenen Graustufungen konfrontiert wurden, gelang ihnen diese Unterscheidung nicht mehr. Dies ist nach Ansicht der Wissenschaftler ein Hinweis darauf, dass sie die Farbe zur Unterscheidung nutzen.

Als ihnen anschließend die Bilder in Mosaikform vorgelegt wurden, hatten die Tauben ebenfalls Schwierigkeiten bei der Unterscheidung, was darauf schließen lässt, dass sie Schönheit anhand von Mustern beurteilen. Als die Forscher ihnen schließlich nur Ausschnitte der Bilder zeigten, hatte dies keinen Einfluss auf ihr Differenzierungsvermögen.

Aquarellbild oder Pastellbild?
Im zweiten Teil der Versuchsreihe untersuchte Watanabe dann, ob die Tauben in der Lage sind, Aquarellbilder von Pastellbildern zu unterscheiden. Acht neue Tauben wurden trainiert, um die Textur von Bildern zu erkennen. Vier Tauben sollten Bilder anpicken, die mit Aquarellfarbe gemalt waren, die übrigen sollten jene herausfinden, bei denen Pastellfarben benutzt worden waren. Wie in der ersten Versuchsphase erkannten die Tauben den Unterschied zwischen den Texturen anhand von Farbe und Form.

Insgesamt zeigen diese Versuche nach Angaben der Forscher, dass Menschen und Tauben auf vergleichbare visuelle Reize zurückgreifen, um gute Bilder und die Bildtextur zu erkennen. Auch wenn es große Unterschiede in der Gehirnarchitektur von Mensch und Tauben gibt, funktioniert diese bei komplexen visuellen Unterscheidungen offenbar ähnlich.

Auch Tauben können Schönheit beurteilen
Watanabe kommt zu dem Schluss: „Kunstkritik schien lange dem Menschen vorbehalten zu sein. Dieser Versuch zeigt jedoch, dass Tauben mit dem entsprechenden Training durchaus in der Lage sind, zwischen guten und schlechten Bildern zu unterscheiden. In dieser Forschungsarbeit geht es nicht um ein hochentwickeltes Kunstverständnis, es wird jedoch aufgezeigt, dass Tauben die Fähigkeit erwerben können, nach vergleichbaren Maßstäben wie die Menschen, Schönheit zu beurteilen.“
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