Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 03.09.2010
Auch Fledermäuse reisen ins Winterquartier
Zugverhalten der Fledermäuse mehrfach unabhängig voneinander entstanden
Nicht nur Vögel, sondern auch einige Fledermausarten begeben sich alljährlich auf eine lange Reise. Forscher haben nun mithilfe eines mathematischen Modells die Evolution des Zugverhaltens bei Glattnasenfledermäusen nachvollzogen. Sie fanden heraus, dass die Migration über kurze oder lange Distanzen bei mehreren Fledermausarten unabhängig voneinander entstanden ist. Demnach ist das zugverhalten plasitscher als bisher angenommen, wie sie im Fachjournal „PLoS One“ berichten.

Langohr-Fledermaus
Langohr-Fledermaus
© US Fish and Wildlife Service Langohr-Fledermaus
Während das Wort „Zugvögel" den meisten bekannt sein dürfte, ist der Begriff „Zugfledermäuse" nicht gerade gängig. Dennoch fliegen jedes Jahr auch Fledermäuse teils über weite Distanzen. Während Vögel vor allem ziehen, um anderswo saisonal üppig vorhandene Nahrung zu nutzen, zieht die Mehrzahl der Fledermausarten mit dem Ziel, bessere Winterschlafplätze zu erreichen. Während in Europa rund 30 Prozent und in Nordamerika etwa 45 Prozent der Vogelarten saisonal bedingt ziehen, ist die Migration von Fledermäusen allerdings ein eher seltenes Phänomen. Nur etwa drei Prozent der knapp 1.000 lebenden Fledermausarten ziehen, davon weniger als 0,016 Prozent weiter als 1.000 Kilometer. Die große Mehrzahl der Fledermäuse der gemäßigten Breiten verbringt die nahrungsarme Winterzeit stattdessen im Dauerschlaf.

Stammbaum der „Glattnasen“ analysiert
Wissenschaftler von der Universität Princeton in den USA und vom Max- Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell haben nun den Stammbaum der Fledermäuse auf das Zugverhalten hin analysiert. Sie beschränkten sich dabei auf die Familie der "Vespertilionidae", den so genannten Glattnasenfledermäusen, die 316 Arten umfasst, also gut ein Drittel aller Fledermausarten. Von insgesamt 32 ziehenden Arten gehören 23 zu dieser Familie. Elf davon sind Weitzieher, die mehr als 1.000 Kilometer überbrücken. Zwölf Arten fliegen über kleine Distanzen zwischen 100 und 1.000 Kilometern.

Zugverhalten mehrfach unabhängig voneinander entstanden
Die Forscher fanden heraus, dass das Zugverhalten sowohl über große als auch über kleine Distanzen innerhalb der Familie der Glattnasen bei mehreren Arten und größtenteils unabhängig voneinander entstanden ist. Kamran Safi, einer der Autoren der Studie meint: "Laut Modell ist es für eine Glattnasenfledermaus genau so wahrscheinlich, ihre stationär Lebensweise zu verlieren oder sie zu entwickeln, wie zu einem Kurz- oder einem Langzieher zu werden".

Antwort auf sinkende Temperaturen
Das Zugverhalten der Fledermäuse könnte also plastischer sein als bisher gedacht. Die Evolution des Zugverhaltens und auch dessen Verlust beruhen wohl auf einem schnellen evolutionären Wandel, der zum Beispiel durch Umweltveränderungen oder Änderungen im Sozialleben der Tiere hervorgerufen wird. „Wir gehen davon aus, dass die Evolution des Zugverhaltens bei den Glattnasen eine Antwort war auf sinkende Temperaturen in ihren Lebensräumen, die einen temporären Rückzug in wärmere Gebiete nötig machten. Im Gegensatz dazu wird für die Evolution des Zugverhaltens von Vögeln generell angenommen, dass es tropische Arten waren, die in andere Gebiete expandierten."

Baumbewohner ziehen eher als in Höhlen lebende
Die Entwicklung eines Zugverhaltens ermöglichte einen Zugang zu neuen Ressourcen und führte vermutlich zu einem raschen Anstieg der Fledermausdichte. Die meisten der ziehenden Glattnasen kommen aus den gemäßigten Breiten und nicht aus den Tropen. Neben dieser Korrelation von Migration und geographischer Verbreitung fanden die Forscher auch einen Zusammenhang zwischen der Schlafstelle und der Wahrscheinlichkeit zu ziehen: Fledermäuse, die sich tagsüber in Baumhöhlen aufhalten, entwickeln eher ein Zugverhalten als Fledermäuse, die in Höhlen oder Gebäuden leben. In Baumhöhlen ist es möglicherweise schwieriger, ideale Überwinterungsbedingungen zu finden.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Fledermaus, Zugverhalten, Winterquartier, Überwinterung, Glattnasen, Evolution, Migration, Biologie, Verhalten,
Weitere News zum Thema
Tödlicher Pilz löst Massensterben amerikanischer Fledermäuse aus (04.08.2010)
Erreger auch in Europa präsent, aber seltsamerweise hier harmlos
Fledermäuse erkennen andere am Ruf (19.05.2010)
Tiere können Echoortungsrufe anderer Arten erkennen und unterscheiden
Fledermausweibchen sind geschickte Energiesparer (11.02.2010)
Neue Studie zeigt, dass Fledermausweibchen ihre Körpertemperatur flexibel regulieren
Fledermäuse orten seitlich (05.02.2010)
Tiere wenden Gesetze der Sonarphysik an, um im Dunkeln Objekte zu lokalisieren
Fledermäuse: Singen lernen durch Nachahmung (12.10.2009)
Territorialgesänge der Sackflügelfledermaus belegen Fähigkeit zu vokaler Imitation
Suche
Erweiterte Suche
Special
Überschwemmungen in Pakistan
DOSSIER: Monsun - Lebensbringer und Zerstörer
DOSSIER: Land unter - Vernichtende Fluten auf dem Vormarsch?
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zugvögel-Forschung
Dossiers zum Thema
Zugvögel
Von Interkontinentalflügen und Weltenbummlern
Tiere der Nacht
Leben im Dunkeln
Das Geheimnis des Fliegens
Tierischen Flugkünstlern auf der Spur
Rätselhafte Vielflieger
Zugvögeln auf der Spur
Rätsel Winterschlaf
Wie Tiere die kalte Jahreszeit überbrücken
News des Tages
Genmutation macht besonders langlebig
Weiße Zwerge mit Sauerstoffatmosphäre im All entdeckt
Geheimnis der Kohlensäure gelüftet
Wie das Gehirn Ruhe in ruckelnde Bilder bringt
Nanoelektronik: Keine Angst vor molekularem Kurzschluss
Auch Fledermäuse reisen ins Winterquartier
Leichtere Neugeborene könnten Diabetes-Gen tragen
Bücher zum Thema
Tierisch!
Expedition an den Rand der Schöpfung von Dirk Steffens
Nomaden der Lüfte
Das Geheimnis der Zugvögel von Jaques Perrin
Fantastisches Tierreich
Zwischen Legende und Wirklichkeit von John Downer
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Top-Clicks der Woche
1. 3D-Fernsehen ohne Brille
2. Dinofund: „Untersetzter Drache” jagte mit tödlicher Doppelklaue
3. Sommer 2010: Wetterextreme ohne Ende
4. Geologischer Flickenteppich im Mondkrater
5. Nie wieder eiskratzen?