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Freitag, 30.07.2010
Internationales Jahr der Biologischen Vielfalt eröffnet
WWF fordert: Arche Noah wieder flott machen
Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, der Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms Achim Steiner und weitere prominente Gäste haben heute bei einer Festveranstaltung im Museum für Naturkunde in Berlin das internationale Jahr der biologischen Vielfalt eröffnet.

Artenvielfalt
Artenvielfalt
© IMSI MasterClips
„Naturschutz ist kein Luxus. Die Natur liefert uns Nahrung, sauberes Wasser oder Medikamente. Insekten sichern unsere Ernten, indem sie Obst- und Gemüsepflanzen bestäuben. Wälder schützen uns vor Überschwemmungen, speichern große Mengen Kohlendioxid und wirken damit gegen den Klimawandel. Zerstören wir die Natur weiter, bringen wir uns langfristig selbst um unsere Existenz- und Wirtschaftsgrundlage“, sagte der Bundesumweltminister bei der Veranstaltung.

Das Jahr 2010 wurde durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen zum „Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt“ erklärt. Damit sollen die Bedeutung der biologischen Vielfalt sowie die Folgen ihres Verlustes - auch für das menschliche Wohlergehen und die globale wirtschaftliche Entwicklung – stärker in das politische und öffentliche Bewusstsein rücken. Als aktueller Vorsitz des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity - CBD) richtet Deutschland die weltweite Auftaktveranstaltung des Internationalen Jahres der biologischen Vielfalt aus.

Biologische Vielfalt verschwindet immer schneller
Nach wie vor schwindet die biologische Vielfalt weltweit in einer Geschwindigkeit, wie sie in der Geschichte vorher nicht beobachtet wurde. Jährlich wird eine Waldfläche von 13 Millionen Hektar vernichtet – das entspricht einer Fläche von der Größe Griechenlands. Karibische Korallenriffe sind bereits zu 80 Prozent zerstört, 35 Prozent aller Mangroven wurden innerhalb der letzten 20 Jahre vernichtet. Auch in Deutschland ist es um die heimische Natur nicht gut bestellt: 72 Prozent aller Lebensräume sind gefährdet oder sogar akut von Vernichtung bedroht, so die Rote Liste von 2009. Von den einheimischen Tierarten Deutschlands sind 35 Prozent, von den Pflanzenarten 26 Prozent bestandsgefährdet.

Erhebliche zusätzliche Anstrengungen erforderlich
„Wir müssen daher sowohl national als auch international alles daran setzen, den Verlust der Lebensräume und Arten zu stoppen. Wir konnten zwar in Deutschland in den letzten Jahren zahlreiche Erfolge erzielen, nicht zuletzt durch die Erfüllung unserer Pflichten aus den Natura 2000 Richtlinien. Trotzdem sind erhebliche zusätzliche Anstrengungen erforderlich, insbesondere in den Bereichen Landwirtschaft, Fischerei, Flächenversiegelung und Verkehr. Denn von dort geht weiterhin eine starke Gefahr für die biologische Vielfalt aus“, mahnte Röttgen. Der Bundesumweltminister kündigte an, zur Umsetzung der in der letzten Legislaturperiode beschlossenen Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt ein „Bundesprogramm Biologische Vielfalt“ aufzulegen. „Eine Strategie zum Schutz der Natur ist wichtig – jetzt machen wir uns an die konkrete Umsetzung des Beschlossenen“, sagte Röttgen.

Neue Zielsetzungen festlegen
Die internationale Staatengemeinschaft wird in diesem Jahr nicht nur prüfen, inwieweit das von ihr beschlossene globale Biodiversitätsziel für das Jahr 2010 die deutliche Reduzierung des anhaltenden weltweiten Verlustes an Arten und Lebensräumen erreicht wurde. Sie wird außerdem darüber entscheiden, welche Zielsetzungen die internationale Naturschutzpolitik nach 2010 verfolgen soll. Deutschland macht sich dabei für die Festlegung eines ehrgeizigen und aussagekräftigen globalen Zieles für die Biodiversitätspolitik nach 2010 stark.

WWF fordert Abbau Natur zerstörender Subventionen
Der WWF begrüßte in einer ersten Stellungnahme die Ankündigungen, den Kampf gegen das Artensterben zu verstärken. Allerdings dürfe es nicht bei Sonntagsreden bleiben. Deutschland habe noch bis zum Herbst den Vorsitz bei den UN-Verhandlungen im Rahmen des Übereinkommens zur biologischen Vielfalt (CBD) und stehe besonders in der Verantwortung.

„Leider kneifen Bund und Länder oft, wenn es konkret wird“, beklagt Eberhard Brandes. Der Geschäftsführer des WWF Deutschland fordert den drastischen Abbau Umwelt zerstörender Subventionen zum Beispiel für die Landwirtschaft und die Fischerei.

Aktuellen Studien zufolge fließen weltweit Jahr für Jahr 670 Milliarden Euro an Staatshilfen in Branchen, die wesentlichen Anteil an der Zerstörung der Natur haben. „Diese fatale Geldverschwendung muss gestoppt und die Vergabe der Mittel an ökologische Kriterien geknüpft werden, um eine nachhaltige Wirtschaftsweise zu fördern“, so der WWF.

Artenschwund nicht gestoppt
2002 hat sich die Staatengemeinschaft auf das Ziel geeinigt, den Artenschwund bis zum Jahr 2010 zu stoppen. Leider sei es bei hehren Zielvorstellungen geblieben. Der Verlust der biologischen Vielfalt habe sich weltweit sogar noch beschleunigt. Die von Menschen verursachte Aussterberate von Tieren und Pflanzen liege mindestens hundertmal höher als der natürliche Artenschwund. Verursacht werde der Artentod von der ungebremsten Lebensraumzerstörung, dem Klimawandel, dem Raubbau an Wäldern und Ozeanen.

„Die Politik hat versagt und ihre Ziele weder in Deutschland und Europa noch weltweit erreicht“, kritisierte Brandes. Lediglich in Einzelbereichen wie bei der Verbesserung der Wasserqualität oder der Vermehrung von Schutzgebieten konnten weltweit bescheidene Erfolge erzielt werden. Der WWF erkennt an, dass die Bundesregierung ein positives Zeichen mit der LifeWeb-Initiative zur Verbesserung der Finanzierung von Schutzgebieten gesetzt habe. Die Zusage bis 2012 rund 500 Millionen Euro insbesondere für den Schutz von Wäldern bereit zu stellen, gehe in die richtige Richtung.

Wirtschaftliche Aspekte stärker berücksichtigen
Um das Problem in den Griff zu bekommen, fordert der WWF wirtschaftliche Aspekte stärker zu berücksichtigen. Ob es um die Säuberung von Böden und Wasser oder die Speicherung von Kohlendioxid durch Wälder und Ozeane gehe, die Natur erbringe Jahr für Jahr gigantische Leistungen. Fruchtbare Böden seien die Grundlage für die Landwirtschaft, gesunde Fischbestände sichern die Proteinversorgung von Millionen Menschen.

Schätzungen zufolge könnte allein die Ausweisung von Meeresschutzgebieten eine Million Arbeitsplätze schaffen. Die Maßnahme würde zugleich Fischerträge von 70 bis 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr sowie Ökosystemdienstleistungen im Wert von 4,5 bis 6,7 Billionen US-Dollar erbringen.

Investitionen in ökologische Infrastruktur zahlen sich aus
„Investitionen in die ökologische Infrastruktur zahlen sich doppelt und dreifach aus“, betont Brandes. Der Schutz der Natur leiste einen Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels, er verringere das Risiko von Naturkatastrophen und sorge für eine sichere Nahrungs- und Wasserversorgung. Damit werde zugleich ein Beitrag zur Armutsbekämpfung geleistet. Der Erhalt von Natur sei fast immer günstiger als zerstörte Ökosysteme wieder aufzubauen.

„Leider ist die Arche Noah Leck geschlagen und es wird höchste Zeit, sie wieder flott zu machen“, so der WWF Geschäftsführer. Es gehe nicht allein um den Schutz faszinierender Tiere und Pflanzen, sondern um handfeste wirtschaftliche Interessen und letztlich um das Überleben vieler Menschen.
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